03Mai

NZZ am Sonntag (24.04.2011): Schule fürs Leben

Das alte Schulhaus im Weiler Mauss bei Mühleberg wurde zum Wohnhaus. Die Bewohner, die das Gebäude selbst umgebaut haben, erhielten dafür den Berner Denkmalpflegepreis.

Das alte Haus verfügt über Charme. Nicht selten verlieben sich Interessenten in besondere Objekte mit historischem Cachet. Wenn es dann nach dem Erwerb an Umbau und Umnutzung geht, sehen sich Architekten und Bauherren mit Fragen der Bausubstanz und mit Forderungen der Denkmalpflege konfrontiert. Sei es, dass das Objekt als Zeuge seiner Zeit erhalten werden soll oder dass das Gebäude Teil eines geschützten Ortsbildes ist. Damit verbunden sind oftmals baurechtliche Auflagen, die bei Eigentümern nicht immer auf Gegenliebe stossen.

Für Michael Gerber, Denkmalpfleger im Kanton Bern, ist klar, dass nur ein gut genutztes Objekt längerfristig für die Nachwelt erhalten werden kann: «Ein erhaltenes, aber verwahrlostes Gebäude ist für die Denkmalpflege nicht von Nutzen. Je früher man deshalb den Kontakt mit uns sucht, umso besser», sagt Gerber. Ängste seitens der Bauherrschaft, die Denkmalpflege verordne einseitig Massnahmen, sind aus seiner Sicht unbegründet. «Wir sind an einer lösungsorientierten Projektbegleitung interessiert», erklärt er, «und haben damit gute Erfahrungen gemacht.» In den meisten Fällen finde sich eine Lösung, die für alle Seiten befriedigend sei.

Traumhaus der anderen Art

Das ist eine Erfahrung, die auch Franziska und Philipp Zingg gemacht haben. Die beiden konnten 2005 das ehemalige Schulhaus im kleinen Berner Weiler Mauss bei Mühleberg erwerben. Das Gebäude mit Baujahr 1911 ist ein typisches Kleinschulhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert mit einem grossen Schulzimmer im Erdgeschoss und der Lehrerwohnung im Obergeschoss. Formal entspricht das Gebäude dem Heimatstil, der damals für Schulhäuser sehr beliebt war. «Bereits bevor wir eingezogen waren, wurde das Schulhaus nicht mehr als solches genutzt», erzählt Philipp Zingg, der im Ort aufgewachsen ist.

Sie hätten sich auch vorstellen können, ein neues Haus zu bauen, so der Elektroinstallateur mit eigenem Geschäft in der Stadt Bern: «Aber Bauland war damals rar in der Gemeinde Mühleberg, und das Schulhaus hat mir schon immer gefallen», meint Philipp Zingg. Als sich die Gelegenheit bot, haben sie deshalb zugegriffen - auch wenn sich Franziska Zingg damit von einem Neubau in Beton und Glas verabschieden musste.

Zunächst zogen sie mit ihren beiden Kindern in die Wohnung im Obergeschoss. «Ein grösserer Umbau war gar nicht geplant», so Philipp Zingg. Die Fenster waren alt und sollten ausgewechselt werden - ganz ohne Begleitung durch die Denkmalpflege. «Wir hatten Angst vor den damit verbundenen Auflagen», meint er rückblickend.

Trotz ihren Bedenken suchten Franziska und Philipp Zingg das Gespräch mit der kantonalen Denkmalpflege. Sie trafen auf Michael Gerber, der damals noch als Bauberater für den Kanton tätig war. «Er hat uns langsam an die Problematik herangeführt und uns während des Bauprozesses begleitet», berichten Franziska und Philipp Zingg.

Das Schulhaus als identitätsstiftendes Gebäude im Ortsbild galt es zu erhalten. «Weil wir zuerst zwei Jahre im Gebäude wohnten, bevor wir mit dem Umbau angefangen haben, konnten wir uns auf die Räume einlassen und die Massnahmen entsprechend planen», sagt Philipp Zingg. Um das äussere Gesamtbild nicht zu verändern, verzichteten sie beim Ersatz der Fenster beispielsweise auf einen direkten Ausgang ins Freie. Andere Ideen wie die Rekonstruktion der früheren Wandmalereien entstanden erst während des Umbaus selbst.

Individuelle Lösungen gefragt

Für ihren vorbildhaften Umgang mit dem Schulhaus in Mauss sind Franziska und Philipp Zingg mit dem 2010 erstmals vergebenen Preis der kantonalen Denkmalpflege Bern ausgezeichnet worden. Für Michael Gerber, der den Preis ins Leben gerufen hat, sollen mit dem Preis Alltagsbauten ins Blickfeld gerückt werden, die man gemeinhin nicht unbedingt mit der Denkmalpflege in Verbindung bringt: «In der Regel denkt man dabei in erster Linie an prunkvolle Bauten wie alte Schlösser oder Kirchen.» Das notwendige Engagement ist bei Objekten wie dem Schulhaus Mauss aber ähnlich hoch und zeigt, dass sich der frühe Kontakt zu den zuständigen Stellen lohnt.

«Das gilt auch für Fragen der Energieeffizienz bei der Umnutzung von Objekten, die unter Schutz stehen oder als erhaltenswert eingestuft sind», so Michael Gerber. «Letztlich muss auch in dieser Hinsicht für jedes Objekt individuell entschieden werden, was sinnvoll und was machbar ist», meint Michael Gerber. Erste Orientierungshilfen geben dabei das Positionspapier «Solaranlagen, Baudenkmäler und Ortsbildschutz» des Schweizer Heimatschutzes oder die 2009 von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege herausgegeben Empfehlungen «Energie und Baudenkmal».

Die Verleihung des Denkmalpflegepreises 2011 und die Vernissage der Ausstellung dazu findet am 5. Mai um 18.30 Uhr im Kornhausforum Bern statt, Eintritt frei.

QUELLE: Bericht aus der NZZ am Sonntag (24. April 2011) geschrieben von Frau Jutta Glanzmann Gut